
© Kastania Waldmüller
Stille Post
Kastania Waldmüller
Mit ihrer Installation Kemenate Klosterthor präsentiert Kastania Waldmüller ein scheinbares Relikt der Behaglichkeit. Konzeptueller Bezugspunkt der Szenerie ist das Zuhause mit dem Ofen als Zentrum des häuslichen Geschehens, der vor Kälte schützt und die Zubereitung von Mahlzeiten ermöglicht. Das hier inszenierte Kaminzimmer taugt jedoch weder zum Aufwärmen oder Kochen noch als privater Rückzugsraum. Stattdessen verhandelt das Arrangement Fragen nach Erinnerung, Beständigkeit, Transformation und Illusion.
Die hölzerne Attrappe eines Ofens ist aus Resten von Verpackungs- und Bauholz hergestellt, die von vergangenen Ausstellungen des Kunsthauses übriggeblieben sind. Das neu geschaffene Werk verbindet sich auf diese Weise mit der Vergangenheit der Institution und lässt ein gemeinsames Wirtschaften, ein ökonomisches „Wir“ entstehen. Auf materieller wie auf metaphorischer Ebene erscheint der Kamin dabei als Ort der Transformation: Was in ihn eingespeist wird, wird durch das Feuer in einen anderen Zustand überführt. Auch der Titel Kemenate Klosterthor spielt mit Elementen des Gewesenen. Kemenate ist die historische Bezeichnung für einen beheizbaren Wohnraum mit Kachelofen, während Klosterthor den Namen des Bahnhofes aufgreift, der bis 1906 im Bereich des Gebäudes lag, in dem heute das Kunsthaus angesiedelt ist. So zeichnet die Arbeit eine Kontinuitätslinie von der lokalen Stadtgeschichte in das Foyer des Kunsthauses und beschwört das Bild eines vom Bahnhof Klosterthor verbliebenen Kaminzimmers.
Das Ofenloch gibt den Blick auf eine Gruppe von Lindenbäumen frei. Anstatt auf die Flammen fällt der Blick in die Natur. Das vermeintliche Fenster neben dem Kamin öffnet sich derweil nicht nach draußen, sondern in einen weiteren Innenraum. Es zeigt die Stube einer österreichischen Bauernfamilie auf dem Gemälde Der Abschied des Conscribierten von Georg-Ferdinand Waldmüller aus dem Jahr 1854. Erst beim genauen Hinsehen entpuppen sich die zunächst vertraut wirkenden Elemente der Installation als Trugbilder. Es entfaltet sich eine Auseinandersetzung mit persönlicher Erinnerung, Vergänglichkeit und der Möglichkeit, aus den Relikten des Gewesenen Neues entstehen zu lassen. In einem illusorischen Wechselspiel überträgt die Künstlerin historische Spuren und überlieferte Bildmotive in neue Kontexte und macht erfahrbar, wie kollektives Erinnern und Vergessen durch gegenwärtige Perspektiven und Entscheidungen mitgestaltet werden.
Im Rahmen des experimentellen und kommunikativen Ausstellungsformats Stille Post werden die Rollen und Funktionen des Gastgebens und Zu-Gast-Seins fluide: In Anlehnung an das titelgebende Kinderspiel wählen die ausstellenden Künstler*innen die jeweils folgende Person selbst aus. Mit dem Projekt überträgt das Kunsthaus seit April 2024 einen Teil der kuratorischen Verantwortung an die Kunstschaffenden selbst, um so alternative institutionelle Zugänge zu ermöglichen und lokal situierte Netzwerkstrukturen inhaltlicher und persönlicher Art sichtbar zu machen. Bisher wurden im Rahmen von Stille Post Arbeiten von Jaewon Kim, Fritz Lehmann, Altay Tuz, Pia Pospischil, Luzia Cruz, Laurel Chokoago, Cho Ari, Carolina Lehan, Sanna Leone und zuletzt von Sally Dalgaard gezeigt.
Kastania Waldmüller (*1996) studierte an der HFBK Hamburg, DE und an der École supérieure des Beaux-Arts de Paris, FR. Ihre Arbeiten wurden u. a. in der Galerie 21, Hamburg (2026), bei openhalle, Berlin (2026), Gruppe Motto, Hamburg (2025) und auf der Parallel Vienna, Wien (2024, 2026) sowie im Kunstverein in Hamburg (2021) gezeigt.

