Leichte Sprache

Erinnerung im Fluss

Gespräch zwischen Melike Kara und Anna Nowak

2026

Der Text erschien erstmals in der Publikation zur Ausstellung Whispers im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 bei adocs. Die Printausgabe ist für 5€ im Kunsthaus Hamburg oder als Teil der Sammelpublikation zur Triennale im Buchhandel zu erwerben.

Mit der Ausstellung Whispers im Kunsthaus Hamburg beschreitet Melike Kara neue Wege. Zwischen Bewahrung und Auflösung entfaltet sich eine künstlerische Praxis, die Erinnerung nicht als Fixierung begreift, sondern als Prozess des Loslassens: relational, sinnlich und in stetiger Bewegung. Im Interview spricht sie mit der Kuratorin Anna Nowak über ihre aktuelle künstlerische Entwicklung, die fragile Materialität von Bildern und das Motiv des Gartens.

Anna Nowak: In deiner Praxis spielt das fotografische Archiv, das seit 2014 aus persönlichen Fotografien und öffentlich zirkulierenden Bildern wächst, eine zentrale Rolle. Für die Ausstellung Whispers im Kunsthaus Hamburg verbrennst du zum ersten Mal Teile dieses Archivs. Was bedeutet diese Geste für dich?

Melike Kara: Das Archiv hat für mich lange als Ort der Stabilisierung funktioniert – als Sammlung, als Gedächtnisraum, als Versuch, etwas zu sichern, das sich entzieht. Die Fotografien trugen Geschichten, Zugehörigkeiten, Fragmente von Biografie und kollektive Erinnerung. Die Entscheidung, Teile dieses Archivs zu verbrennen, ist deshalb kein destruktiver Akt, sondern eine bewusste Verschiebung. Das Bild wird nicht mehr als lesbare Oberfläche präsentiert, sondern in einen materiellen Zustand überführt: Asche, Staub, Sediment. Es verliert seine narrative Eindeutigkeit und wird Teil eines räumlichen Prozesses. Mich interessiert dieser Übergang von Bild zu Material. Ein Foto kann als Beweis gelesen werden, als Dokument, als Identifikationsfläche. Asche hingegen entzieht sich dieser Funktion. Sie ist fragil, verschiebbar, instabil. In dieser Instabilität entsteht eine andere Form von Präsenz – eine, die nicht behauptet, sondern offen bleibt.
 
Anna Nowak: Ein Archiv bewahrt, während ein Feuer scheinbar löscht. Du betonst jedoch, dass es dir nicht um Auslöschung geht. Welche Rolle spielt diese Spannung in deiner Arbeit? 
 
Melike Kara: Das Archiv bewahrt durch Ordnung und Fixierung. Es hält fest, kategorisiert, schafft Kontinuität. Feuer scheint nicht zu bewahren, sondern zu tilgen. Für mich liegt die Arbeit jedoch nicht in diesem Gegensatz, sondern in der Bewegung dazwischen. Das Verbrennen ist keine Auslöschung, sondern eine Transformation der Form. Die Geschichte verschwindet nicht – sie verändert ihren Aggregatzustand. Sie wird weniger greifbar, weniger eindeutig, aber nicht weniger präsent. Stabilisierung war eine notwendige Phase meiner Arbeit. Sie war eine Antwort auf reale Gefährdungen von Geschichte und Sprache. Transformation bedeutet nun nicht Abbruch, sondern Weiterdenken von Verantwortung – ohne die Notwendigkeit, alles festzuhalten.
 
Anna Nowak: In früheren Ausstellungen wie in Emine’s Garten in der Kunsthalle St. Gallen und in shallow lakes in der Schirn Kunsthalle Frankfurt hast du den Garten als Motiv eingeführt. Wie setzt du diese Bedeutungsebene in Whispers räumlich fort?
 
Melike Kara: In früheren Arbeiten war der Garten stärker mit einer Suche nach Herkunft und Identität verbunden. In Whispers verschiebt sich diese Perspektive. Der Garten erscheint nicht als Motiv, das dargestellt wird, sondern als Zustand, der betreten werden kann. Wasser fließt, sammelt sich, steht. Keimlinge wachsen unter Bedingungen, die nicht vollständig kontrollierbar sind. Stoffe, Asche und Kaffeesatz überziehen Flächen und bilden Übergänge. Der Raum ist kein geordnetes System, sondern ein relationales Gefüge. Es gibt kein Zentrum, keine klare Blickrichtung, keine Hierarchie. Der Garten wird hier nicht als Idyll oder Ordnungsmodell verstanden, sondern als ein Feld, in dem Wachstum und Zerfall, Sammlung und Auflösung gleichzeitig existieren dürfen.
 
Anna Nowak: Kann ein Garten ein anderes Modell für Erinnerung sein als ein Archiv? Und wenn ja, was verändert sich dadurch im Kontext von Geschichte und Zugehörigkeit? 
 
Melike Kara: Ein Archiv bewahrt, indem es fixiert. Es schafft Bestände und Kontinuitäten. Ein Garten hingegen funktioniert durch Pflege, Wiederholung, Jahreszeiten und Veränderung. Erinnerung im Garten ist kein gespeicherter Bestand, sondern ein Prozess. Sie wächst, wird zurückgeschnitten, vergeht und kehrt wieder. Dadurch verschiebt sich auch die Vorstellung von Zugehörigkeit. Sie wird weniger Besitz oder Definition, sondern Beziehung und Fürsorge. Im Garten bleibt Geschichte nicht als Dokument bestehen, sondern als Praxis.
 
Anna Nowak: In deinen Arbeiten spielt die Auseinandersetzung mit kurdischer Identität oft eine große Rolle. Wie unterscheidet sich dein Ansatz in Whispers von deinen früheren Arbeiten?
 
Melike Kara: Frühere Arbeiten waren stark von einer Sehnsucht getragen, Identität zu stabilisieren und sichtbar zu machen. Whispers folgt einem anderen inneren Standort. Mich interessiert, was geschieht, wenn Identifikation nicht weiter forciert wird. Wenn Zuschreibungen, Narrative und Selbstdefinitionen für einen Moment in den Hintergrund treten. Der Raum der Installation ermöglicht eine Art der Wahrnehmung, die das Erlebte nicht sofort in Bedeutung oder Zugehörigkeit übersetzt. Gleichzeitig bleibt die Frage offen: Verschwindet Identifikation tatsächlich – oder taucht sie immer wieder auf? Die Arbeit versucht nicht, eine endgültige Antwort zu geben, sondern einen Raum zu schaffen, in dem dieses Kommen und Gehen sichtbar wird. Was bleibt, ist nicht eine neue Definition, sondern ein offener Zustand von Bewusstsein.
 
Anna Nowak: Deine Arbeit bewegt sich stets zwischen individueller Biografie und kollektiver Präsenz. Was interessiert dich an dieser Spannung und wie wird sie in der Hamburger Installation sichtbar?
 
Melike Kara: Mich interessiert, wie persönliche Erinnerung immer schon in größere Zusammenhänge eingebettet ist, ohne vollständig darin aufzugehen. Die verbrannten Fotografien tragen persönliche Spuren, verlieren jedoch ihre klare Lesbarkeit. Das Ritual des Kaffeesatzlesens – dessen ursprüngliche Deutungsbewegung ich bewusst umkehre – verweist auf kollektive Praktiken der Bedeutungsproduktion. Indem ich dem Kaffeesatz seine auslegende Funktion entziehe, bleibt er Material – Spur, Oberfläche, Sediment. Bedeutung kann entstehen und wieder vergehen. So wird die Spannung zwischen Individuellem und Kollektivem nicht erklärt, sondern erfahrbar.
 
Anna Nowak: Während die Fotografie konkrete Geschichten trägt, ist deine Malerei intuitiv und abstrakt. Welche Rolle spielt sie für dich in der Installation als Gefüge zwischen Bild, Material und Auflösung?
 
Melike Kara: Die Malerei ist für mich ein Ort, an dem Form entstehen und sich zugleich entziehen kann. Während Fotografie konkrete Geschichten trägt, bewegt sich die Malerei in einem Bereich zwischen Sichtbarkeit und Auflösung. In Whispers ist sie nicht isoliert, sondern steht in Beziehung zu Wasser, Asche und Kaffeesatz. Sie verbindet das Lesbare mit dem Nicht-Lesbaren und hält den Raum offen zwischen Bild und Material.
 
Anna Nowak: Der Garten kennt keine nationalen Grenzen, sondern folgt anderen Rhythmen – Pflege, Wachstum, Verfall. Ist die Bewegung vom Archiv zum Garten auch eine Bewegung weg von territorialem Denken und festen Vorstellungen von Zugehörigkeit?
 
Melike Kara: Ein Archiv ist oft mit Sammlung, Besitz und Abgrenzung verbunden. Ein Garten hingegen funktioniert relational – durch zyklische Prozesse. Die Bewegung vom Archiv zum Garten bedeutet für mich eine Verschiebung von fixierten Vorstellungen von Zugehörigkeit hin zu Beziehung als Prozess. Nicht Territorium, sondern Verbindung wird zentral.
 
Anna Nowak: Die Installation spricht alle Sinne an. Man hört Wasser, riecht Kaffeesatz, sieht Wachstum und Zerfall. Welche Rolle spielt diese sinnliche Ebene? Und was wünschst du dir, dass Besucher*innen aus Whispers mitnehmen?
 
Melike Kara: Die sinnliche Ebene ist zentral. Sie schafft eine körperliche Erfahrung, die sich nicht vollständig in Sprache übersetzen lässt. Ich wünsche mir, dass Besucher*innen sich nicht ausschließlich auf Interpretation konzentrieren, sondern auf Wahrnehmung. Vielleicht nehmen sie weniger eine klare Botschaft mit als eine veränderte Aufmerksamkeit – für das Fragile, das Leise und für den Raum, der bleibt, wenn man nicht sofort identifizieren muss. Vielleicht verweilen sie einen Moment länger bei einem Geräusch, bei einem Geruch, bei einer Oberfläche, die sich langsam verändert. Vielleicht entsteht ein Zustand, in dem nicht sofort entschieden werden muss, was etwas bedeutet. Whispers ist kein Raum, der Antworten gibt. Es ist ein Raum, in dem etwas auftauchen, sich verwandeln und wieder verschwinden darf – wie ein Gedanke, der kommt und geht, ohne festgehalten zu werden. Was bleibt, ist eine Sensibilität für Übergänge: zwischen Sichtbarkeit und Auflösung, zwischen Nähe und Distanz, zwischen dem, was wir benennen können, und dem, was einfach da ist.

Melike Kara (*1985, Bensberg, DE) ist eine medienübergreifend arbeitende Künstlerin mit einem Schwerpunkt auf Malerei. In ihrer Praxis untersucht sie Fragen von Wahrnehmung, Materialität und Transformation im Spannungsfeld von Bild und Raum. Neben der Malerei arbeitet Kara mit fotografischen Fragmenten, organischen Materialien und installativen Setzungen, die in vielschichtigen räumlichen Konstellationen zusammengeführt werden. Sie studierte bei Rosmarie Trockel an der Kunstakademie Düsseldorf. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, u. a. in London, Brüssel, Shanghai und Pittsburgh. Sie lebt und arbeitet in Köln.

Anna Nowak (*1981, Miedźna, PL) ist seit 2023 Geschäftsführung und Künstlerische Leitung des Kunsthaus Hamburg. Auf der dOCUMENTA (13) realisierte sie über zwanzig künstlerische Projekte. Im Anschluss betreute sie in der Galerie Sfeir-Semler, Hamburg / Beirut internationale Ausstellungsteilnahmen viel beachteter Künstler*innen wie Anna Boghiguian, Wael Shawky oder Walid Raad. Im Kunstverein in Hamburg initiierte sie die ersten monografischen Ausstellungen von Georgia Gardner Gray, Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme in Deutschland. Seit 2019 ist sie Kuratorin im Kunsthaus Hamburg mit den Schwerpunkten Transkulturalität, Digitalität und Biodiversität.

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