Der Garten als Infrastruktur
சிந்துஜன் வரதராஜா (Sinthujan Varatharajah) über das Verhältnis zwischen Wachstum und Begrenzung
சிந்துஜன் வரதராஜா (Sinthujan Varatharajah) über das Verhältnis zwischen Wachstum und Begrenzung
Der Text erschien erstmals in der Publikation zur Ausstellung Whispers im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 bei adocs. Die Printausgabe ist für 5€ im Kunsthaus Hamburg oder als Teil der Sammelpublikation zur Triennale im Buchhandel zu erwerben.
Der Garten erscheint gemeinhin als Ort der Pflege, des Wachstums und der Regeneration, als Gegenbild zur Stadt, zur Industrie, zur Gewalt. Doch diese Vorstellung ist historisch gewachsen. Schon seit Jahrtausenden dient der Garten nicht nur der Erholung oder Nahrungsmittelversorgung, sondern auch als räumliches Modell gesellschaftlicher Ordnung. Im alten Ägypten, in Mesopotamien und in Rom waren Gärten mehr als Zier- oder Nutzflächen: Sie übersetzten kosmologische Vorstellungen und soziale Strukturen in gestaltete Landschaften. Wasser, Pflanzen, Wege und Begrenzungen wurden genutzt, um Naturen zu ordnen und räumlich lesbar zu machen. Auch der biblische Garten Eden war eingezäunt und wurde so von seiner Umwelt entkoppelt. Der Garten ist damit immer auch ein Raum der Disziplinierung, eine Schule des Sehens, Gehens und des Umgangs mit Leben. Pflanzen werden ausgewählt, positioniert, zurückgeschnitten; Wege lenken Bewegung, Zäune markieren Übergänge. Er ist ein Terrain, in dem Naturen lesbar und reproduzierbar gemacht werden, ein Mikrokosmos gesellschaftlicher Ordnung.
Doch der Garten ist nicht nur Ordnung, sondern auch Raum und Gefühl. Er eröffnet eine Sinneserfahrung: das Rascheln von Blättern, das Plätschern von Wasser, das Spiel von Licht und Schatten. Diese Qualitäten erzeugen eine Atmosphäre von Nähe, Intimität, Verwurzelung und Bewegung. Selbst ein fragmentierter oder künstlicher Garten kann diese Wirkung entfalten, als Spannung zwischen Wahrnehmung und Struktur, zwischen Wachstum und Begrenzung. Im Garten lernen wir, unseren Körper und unsere Aufmerksamkeit zu lenken; wir hören, riechen, fühlen und orientieren uns an den Rhythmen der Naturen.
In Melike Karas Ausstellung Whispers wird dieses sensorische Moment bewusst verstärkt. Die Keimlinge, das Wasser, die Stoffe und Becken erzeugen eine räumliche Empfindung von Fragilität und Lebendigkeit, die zugleich an historische Eingriffe erinnert. Die Rauminstallation verhandelt den Garten nicht als idyllische Landschaft, sondern als ein Gefüge von Bedingungen. Fürsorge und Formierung sind hier nicht voneinander zu trennen. Das, was gepflegt wird, wird zugleich eingeschränkt; das, was wächst, tut dies unter Voraussetzungen, die ihm vorgegeben sind. Erinnerung und Auslöschung existieren nebeneinander: Verbrannte Archivbilder tragen Spuren vergangener Ordnungen, während aus ihnen neues Leben hervorgeht. Wachstum erscheint nicht als natürliche Selbstverständlichkeit, sondern als etwas, das immer schon reguliert und gerahmt ist. Die Installation entfaltet sich als fragmentierter, künstlich eingerichteter Gartenraum. Wasser, oft Symbol für Leben und Erneuerung, wird gesammelt, gestaut, in Bahnen geleitet. Es fließt nicht frei, sondern durch Schlitze, Becken und verborgene technische Systeme. Diese Lenkung verweist auf Infrastrukturen – auf jene unsichtbaren Systeme, durch die Ressourcen verteilt und Landschaften gestaltet werden. Pumpen und Schläuche bleiben im Hintergrund, sind aber konstitutiv für das Geschehen. Pflanzen keimen nicht im offenen Boden, sondern in Stoffschichten und Watte, in provisorischen Mikrohabitaten. Der Boden als verbindender Raum fehlt. Stattdessen entstehen künstliche Substrate, die Wachstum ermöglichen und zugleich begrenzen. Diese Bedingungen erinnern weniger an eine „natürliche“ Landschaft als an ein Labor, an ein Archiv, an eine Umgebung, die eingerichtet ist. Der Garten wird so als gestaltetes Gefüge sichtbar. Er ist kein neutraler Hintergrund, sondern eine räumliche Praxis, in der entschieden wird, welches Leben geschützt, welches verdrängt und welches unsichtbar gemacht wird. In dieser Fragmentierung spiegelt sich eine Geschichte menschlicher Gartenschaffung, in der Landschaften zerlegt, neu zusammengesetzt und ihrer relationalen Logiken beraubt wurden. Whispers legt diese Einschreibungen offen, nicht durch Repräsentation, sondern durch Material, Prozess und Spannung.
Vor diesem Hintergrund öffnen sich auch andere, oft übersehene Formen des Gärtnerns. Sie erscheinen nicht als direkte Darstellung, sondern als Abwesenheit; als das, was fehlt und dennoch nachhallt. Der künstlich eingehegte Garten der Installation lässt sich als Reflexion historischer Ordnungslogiken lesen, denen andere Praktiken gegenüberstehen: Modelle, in denen Land nicht als fixiertes Territorium, sondern als dynamisches, relationales Gefüge verstanden wird. Ein anschauliches Beispiel für solche Praktiken sind die schwimmenden Gärten im sogenannten Mexiko, insbesondere die Chinampas. Diese Systeme, lange vor der Kolonialisierung entwickelt, beruhen auf zyklischen, regenerativen Beziehungen zwischen Wasser, Pflanzen, Boden und menschlicher Praxis. Die Chinampa ist ein lebendiges Gefüge, das sich mit dem Wasser bewegt, es aufnimmt und zurückgibt. Land ist hier kein statischer Besitz, sondern ein Prozess; etwas, das durch Pflege, Wiederholung und kollektives Wissen immer wieder neu entsteht. Ähnliche Prinzipien zeigen sich in den indigenen Gartenpraktiken Kurdistans. Auch hier entstehen Gärten, die sich der Logik von Repräsentation entziehen: kleinräumig, fragmentiert, gemeinschaftlich organisiert und eng an saisonale Rhythmen, lokale Böden und kollektive Erinnerung gebunden. Sie sind keine Orte der Sichtbarkeit, sondern des Fortbestehens. Wissen wird nicht archiviert, sondern weitergegeben, mündlich, durch Handgriffe, durch Wiederholung im Alltag. Ihre fortwährende Bedrohung durch staatliche Gewalt, militärische Zerstörung, Enteignung oder großangelegte Infrastrukturprojekte verweist auf eine systematische Kontrolle von Landschaften, die immer auch Kontrolle über Körper, Mobilitäten und Erinnerungen bedeutet. Wenn Gärten zerstört werden, wird nicht nur Nahrung entzogen, sondern auch Zeit: die Zeit der Zyklen, der Weitergabe, der Verwurzelung.
In diesem Zusammenhang lässt sich erkennen, wie Kolonialismus, ob in Vergangenheit oder Gegenwart, eine globale Form der Gartenschaffung beinhaltet, die bis heute unsere Beziehung zu Naturen prägt. Naturen erscheinen nicht mehr als eigenständige, relationale Gefüge, sondern als Objekte, die benannt, manipuliert, zerstört oder konserviert werden können. Wir nennen künstliche Arrangements „Natur“, von Parks über botanische Gärten bis zu restaurierten Landschaften, während wir gleichzeitig reale, lebende Ökosysteme zerstören. Wir lernen, Naturen als Ressourcen zu sehen, als Bühnen menschlicher Ordnung, und verlieren den Zugang zu deren Prozesshaftigkeit. Whispers macht diese Spannung erfahrbar. Die Keimlinge erscheinen als fragile Nachfahren solcher verdrängten Gartenlogiken. Sie wachsen nicht im offenen Boden, sondern in prekären, künstlichen Umgebungen, getragen von Stoffen, Wasser und Resten eines beschädigten Archivs. Ihr Wachstum ist kein Rückgriff auf eine verlorene Ursprünglichkeit, sondern ein leises Beharren: ein Weiterwachsen trotz Fragmentierung, Kontrolle und Entzug. Gleichzeitig tritt hier die Abkehr der Künstlerin von festen Identitäten zutage: Leben selbst, seine relationalen Verbindungen, seine Zyklen und Übergänge treten in den Vordergrund, während anthropozentrische Zuschreibungen, Besitz- und Ordnungslogiken zurücktreten. Identität löst sich auf, aber bleibt im Prozess erfahrbar. So wird der Garten zu einem Ort der Aushandlung: Er lädt dazu ein, den eigenen Körper, die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung in Beziehung zu setzen zu den sich entfaltenden Rhythmen von Licht, Wasser, Material und Keimlingen. Der Garten ist hier nicht abgeschlossen, sondern offen, ein begehbarer, lebendiger Zustand, in dem Wachstum, Zirkulation und relationales Leben unmittelbar spürbar werden.
சிந்துஜன் வரதராஜா (Sinthujan Varatharajah) ist politische*r Geograph*in und Essayist*in. Ihre*Seine Essays beschäftigen sich mit Fragen von Staatenlosigkeit, Vertreibung und kolonialer Moderne, betrachtet aus der Perspektive von Infrastruktur, Logistik und gebauten Kulturen. Nach jahrelanger politischer Arbeit im Bereich der Asylrechte sowie der strafrechtlichen Verfolgung von Völkermörder*innen erschien 2022 im Carl Hanser Verlag das Debüt an alle orte, die hinter uns liegen. Gemeinsam mit der Künstlerin Moshtari Hilal veröffentlichte வரதராஜா die Gesprächsbänder English in Berlin und Hierarchies of Solidarity bei Wirklichkeit Books. In diesem Jahr erscheint im Hanser Verlag wo zeit stehen bleibt.