Die Politik des Flüsterns
Laura Schmidt über die Rolle der Fotografie in Melike Karas künstlerischer Praxis
Laura Schmidt über die Rolle der Fotografie in Melike Karas künstlerischer Praxis
Der Text erschien erstmals in der Publikation zur Ausstellung Whispers im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 bei adocs. Die Printausgabe ist für 5€ im Kunsthaus Hamburg oder als Teil der Sammelpublikation zur Triennale im Buchhandel zu erwerben.
Wasser tritt aus den Wänden und plätschert in den Raum. Es fließt durch Malerei, Relief, Ornament und fotografische Collagen an Wänden und auf dem Boden. Kaffeesatz, Asche und Gips mischen sich in den Wasserlauf, färben ihn und sammeln sich in Pfützen. Pflanzen keimen und wachsen auf Stoff und im Raum. Alles wird in pulsierenden Feldern zu einer fragilen Gartenlandschaft verwebt. Die raumgreifende Installation Whispers von Melike Kara verwandelt das Kunsthaus Hamburg in einen vibrierenden Mikrokosmos, in dem wir uns auf lebendige Schichten und Oberflächen zubewegen können. Halten wir inne und stellen uns der visuellen Erfahrung, entsteht inmitten dieses Gartens ein rhythmischer Raum, in dem wir versinken können. Wie bei einem gewebten Teppich greifen die verschiedenen Elemente ineinander, wiederholen und überlagern sich, ohne dabei einer festgelegten Ordnung zu folgen oder dem Raum ein hierarchisches Zentrum zu geben.
Kara hat für diese Ausstellung Teile ihres fotografischen Archivs verbrannt. Die Asche dieser Bilder erscheint als fragile, von feinen Rissen durchzogene, poröse Oberfläche, in der vereinzelte Bildfragmente noch sichtbar bleiben. Einige der Arbeiten sind gerahmt, andere liegen auf dem Boden oder hängen an den Wänden. Was der Rahmen umfasst, bleibt dennoch in Bewegung – ein Materialzustand zwischen Bild und Überrest, zwischen Lesbarkeit und Auflösung. Die Oberfläche wirkt, als könne sie sich jederzeit weiter verändern. Der Rahmen hält den Raum – nicht das Material. Die Asche bleibt flüchtig und verbindet sich mit anderen Elementen der Installation. In Auseinandersetzung mit ihren kurdischen Wurzeln trägt Kara seit 2014 Fotografien aus Familienbeständen, aus dem Leben von Freund*innen und aus gefundenem, vielfach zirkuliertem Bildmaterial in einem visuellen Archiv zusammen. Ihr Archiv entsteht nicht als geschlossenes System, sondern als offenes Gefüge, das keinen staatlich gesicherten Erinnerungsort kennt. In diasporischen Kontexten – in denen Archive oft gänzlich fehlen oder zerstört wurden – wird Sammeln zu einer politischen Handlung. Es schafft Sichtbarkeit und eröffnet Bedeutungsräume dort, wo strukturell Unsichtbarkeit herrscht. Karas Sammeln ist demnach kein neutraler Akt, sondern eine Entscheidung gegen das Verschwinden und gegen das Schweigen. Dort, wo die institutionelle Sicherung eines kulturellen Gedächtnisses fehlt, wird Karas Archiv zu einem lebendigen und beweglichen Erinnerungsfeld, das mehr fragt, als antwortet. Bilder treten in Dialog mit mündlich überlieferten Traditionen und Ritualen. In einer Geste des Erhalts wird Wissen nicht monumentalisiert, sondern weitergegeben.
In früheren Arbeiten hat Kara Teile ihres Archivs bereits in raumgreifende, ortsspezifische Installationen überführt. Fotografische Abbildungen wurden auf verschiedene Materialien übertragen, vergrößert, gebleicht und in Beziehung zu Ornamenten, Stoffen und skulpturalen Elementen gesetzt, die auf kurdische Traditionen verweisen. Die Bilder fungieren in diesen Arbeiten nicht als autonome Dokumente, sondern als Elemente eines räumlichen Gefüges. Bedeutung entsteht dort nicht durch Erklärung, sondern durch begehbare Konstellationen, in denen persönliche und kollektive Erinnerungen ineinandergreifen. Identität erscheint nicht als festgeschriebene Kategorie, sondern als etwas, das sich im Zusammenfügen ereignet. Herkunft wird nicht repräsentiert, sondern räumlich verhandelt – als Überlagerung, als Wiederholung, als Verschiebung. Diese Praxis erinnert an Aby Warburgs Bilderatlas: Die Sammlung von Materialien bildet keine lineare Erzählung, sondern ein offenes Denkfeld, in dem Affinitäten und Spannungen zwischen Bildern sichtbar werden. Doch auch ein solches Denkfeld ist nicht frei von Setzungen. Für den Philosophen Jacques Derrida ist das Archiv kein neutraler Speicher, sondern ein Machtapparat, der bestimmt, was erinnerbar und sichtbar wird. In einem historischen Kontext, in dem kurdische Identität marginalisiert wird, greift Kara bewusst in diese Logik ein. Bei ihr erscheint das Archiv nicht als stabiler Ort der Wahrheit, sondern als fluider Raum der Erzählung. Mit Whispers im Kunsthaus Hamburg erfährt Karas Archivpraxis eine materielle Zuspitzung. Zum ersten Mal übergibt sie ihr Archiv partiell dem Feuer – nicht aus Zerstörungswut, sondern als Geste der Transformation. Im Akt des Verbrennens wird das fotografische Bild von einer lesbaren Oberfläche in einen fragilen materiellen Zustand überführt.
Was geschieht, wenn ein Archiv brennt? Im von Georges Didi-Huberman und Knut Ebeling herausgegebenen Band Das Archiv brennt wird das Archiv als politischer Konfliktraum beschrieben – als ein Ort, an dem über Bestand und Verlust verhandelt wird . In Karas Arbeit führt das Brennen die Öffnung des Archivs weiter – als Spur: fragil, offen, bruchstückhaft. Zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden widersprechen die Bilder aus Asche dem Totalitätsanspruch des Archivs und wehren sich gegen Vereinnahmung und Musealisierung. Als Flüstern verkörpern sie eine andere Form von Wissen – intuitiv und transgenerational. Das Archiv wird zu einem verletzlichen und widerständigen Gedächtnisraum. Das Verbrennen räumt mit einer bestimmten Vorstellung vom Bild auf – der Idee, dass Fotografien erinnern, bezeugen oder repräsentieren müssen. Dieses „Müssen“ wird suspendiert. Es geht nicht um Verlust durch äußere Gewalt, nicht um staatliche Zerstörung oder historischen Zufall. Der Akt des Verbrennens ist eine künstlerische Entscheidung. Die Auswahl dafür entsteht prozessual, nicht nach festen Kategorien. Kara arbeitet mit Reproduktionen, Kopien und vielfach zirkulierenden Fotografien – mit Bildern also, deren Materialität bereits verschoben ist. Nicht das singuläre Original steht im Zentrum, sondern das Bild im Umlauf. Indem sie diese Bilder dem Feuer übergibt, unterläuft sie die klassische Archivlogik von Akkumulation, Dauer und Sicherung. An die Stelle der bewahrenden Instanz tritt ein Zustand, in dem Bildlichkeit nicht gespeichert, sondern in Bewegung überführt wird.
Whispers ist damit ein leiser, aber entschiedener Widerstand gegen hegemoniale Wissensordnungen, koloniale Blickregime und die Vorstellung, Geschichte sei festgeschrieben. Die Bilder aus Asche sprechen nicht in klaren Sätzen, sondern flüstern – wie Erinnerungen, Rituale und Lieder, die nur in der Nähe hörbar sind. Kara schafft mit dieser Geste einen poetischen Resonanzraum, in dem Vergänglichkeit nicht Verlust bedeutet, sondern Möglichkeiten eines anderen Erinnerns. Betrachten wir die Fotografie als eine Lichtspur – als einen indexikalischen Abdruck einer Wirklichkeit – wird ihre Asche als mediales Nachleben der Fotografie zur Spur der Spur. Die Asche trägt als materieller Überrest das Ereignis der Verbrennung in sich und verweist nicht zwangsläufig auf das Abgebildete, sondern auf den Zustandswechsel des Bildes selbst. In bildtheoretischen Debatten wird diese Spur relevant, wo Archive zerstört und Sichtbarkeit bedroht wird. In Karas Arbeit jedoch markiert die Asche keinen Verlust, sondern einen Übergang: Das Weiterwirken eines Bildes jenseits seiner fotografischen Bedingungen. Die Asche repräsentiert nicht, sondern wird zum Träger eines Zustandes. Kara löscht die Bilder nicht vollständig aus. In der porösen Oberfläche bleiben Bildfragmente erhalten. Sie sind nicht mehr dokumentarisch lesbar, aber sie verschwinden auch nicht. Kara betont ihr Interesse am Moment zwischen Sichtbarkeit und Auflösung. Die Asche wird nicht fixiert, sondern in Beziehung zu anderen Elementen im Raum gesetzt.
Neben die Asche tritt der Kaffeesatz als weiteres Sediment. Auch er ist Spur – nicht einer Zerstörung, sondern eines Rituals. In der kurdischen Tradition wird Kaffeesatz gemeinsam gelesen. Kara interessiert jedoch weniger die Deutung als die Erwartung von Bedeutung. Entscheidend ist für sie der Augenblick, in dem sich im Material eine Form zeigt und sich wieder entzieht. Während die Asche aus dem Bild hervorgeht und seine materielle Transformation sichtbar macht, bleibt der Kaffeesatz organisch, vergänglich, färbend, ohne sich festzuschreiben. Was im familiären Kontext nie archiviert, sondern im Alltäglichen weitergegeben wird, übersetzt sie in den Raum. Asche und Kaffeesatz stehen für unterschiedliche Formen der Erinnerung: visuelles Archiv und orale Überlieferung. In Karas Garten kommen Asche, Kaffeesatz, Wasser und Stoff zusammen; zwischen ihnen wachsen Keimlinge. Sie zeigen ein Werden unter Bedingungen. Ihr Wachstum ist bereits Übergang zum Zerfall. Erinnerung erscheint hier als etwas, das gepflegt wird, ohne kontrollierbar zu sein. Zeit zeigt sich dabei nicht als Fortschritt, sondern als Moment der Aufmerksamkeit und der Fürsorge. In diesem Zusammenhang ist Schönheit keine ästhetische Harmonie, sondern bezeichnet einen Zustand, in dem Fragiles sichtbar wird und trotz Fragmentierung fortbesteht. Im Kontext der kurdischen Diaspora bedeutet das mehr als eine ästhetische Entscheidung. Archive werden häufig unter dem Zeichen von Verlust oder Gewalt gelesen, Fotografien als Belege von Zugehörigkeit. Kara hingegen löst das Bild aus dieser Erwartung. Diaspora impliziert hier nicht einen Mangel an Sichtbarkeit, sondern beinhaltet Beweglichkeit und Entzug – als ein Dasein zwischen Formen, Identifikation und Loslassen.
Was bleibt, ist Beziehung. War der Garten in vorherigen Arbeiten noch von der Sehnsucht getragen, Identität zu verorten, verschiebt Kara in Whispers diesen Impuls. Es geht weniger um Identifikation als um das Dazwischen. Der Garten wird bei Kara zu einem begehbaren Zustand, zu einer Haltung. Kein Zentrum strukturiert ihn, sondern ein prozesshaftes Zirkulieren von Material, Erinnerung und Beziehung. Bewegung und Sammlung fallen zusammen. Wie in einem gewebten Teppich überlagern sich Spuren, Stimmen und Fragmente – alles ist miteinander verflochten. Wir begeben uns tiefer in diesen Gartenraum. Es geht nicht mehr darum, Gesehenes zu erkennen, sondern um das Sehen selbst. Wenn wir weiter loslassen, hören wir hinter dem Wasserplätschern das Flüstern der Vielstimmigkeit. Vielleicht liegt in diesem leisen Weiterwirken – in diesem Flüstern – eine Form von Widerstand, die nicht laut werden muss, um wirksam zu sein.
Laura Schmidt (*1983, Haldensleben, DE) lebt in Berlin und arbeitet international als freie Kuratorin und Kulturmanagerin an der Schnittstelle von Kunst, Fotografie und Film. 2021–2023 war sie kuratorische Referentin am Gropius Bau und realisierte Projekte u.a. mit Wu Tsang, Ana Prvački und Ayumi Paul. 2013–2020 baute sie als Geschäftsführerin die Wim Wenders Stiftung in Düsseldorf auf und verantwortete internationale Retrospektiven und Ausstellungsprojekte u. a. im MoMA New York und im Grand Palais Paris. Bis 2012 leitete sie das Photostudio von Donata und Wim Wenders.