Yalda Afsah
Temper

Yalda Afsah, HEAT, 2026, Filmstill, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Temper
Ob spirituelle Zeremonien, saisonale Feste oder initiatorische Übergangsriten – Bräuche zählen zu den ältesten kollektiven Praktiken der Menschheit. Sie schaffen temporäre Gemeinschaften, strukturieren Emotionen und ermöglichen Formen von Zugehörigkeit, die sich rationaler Erklärung oft entziehen. Zugleich können sie eng mit Ausschluss, Disziplinierung und Gewalt verbunden sein.
Die deutsch-iranische Künstlerin Yalda Afsah bewegt sich in ihrer neusten Werkreihe genau in diesem Spannungsfeld. Sie untersucht Rituale als soziale und körperliche Choreografien, in denen sich universelle Fragen von Macht, Identität und Gemeinschaft verdichten. In ihrer Einzelausstellung im Kunsthaus Hamburg präsentiert sie die Filme JARRAMPLAS (2024), PAN (2026) und HEAT (2026) erstmals zusammen. Entstanden aus Recherchen zu lokalen Ritualpraktiken in Spanien, Bulgarien und Taiwan, untersuchen die Arbeiten, wie sich soziale Ordnungen und kollektive Affekte in performativen Handlungen manifestieren.
Während JARRAMPLAS ein Ritual im spanischen Bergdorf Piornal als ambivalentes Spiel kollektiver Aggression und Zuschauerschaft erfahrbar macht, entfaltet PAN eine vielschichtige Choreografie zwischen Spiritualität, Körperdisziplin und Gemeinschaft im bulgarischen Rila-Gebirge. Yalda Afsahs neuster Film HEAT ist dem taiwanesischen Handan-Feuerwerksfestival gewidmet und wird erstmals im institutionellen Kontext gezeigt. Die Künstlerin richtet hier den Blick auf eine ekstatische Zeremonie, die Glaubensvergewisserung, Mutprobe und spirituelle Reinigung in einer intensiven Verdichtung von Licht, Klang und körperlicher Erfahrung verbindet.
Die Ausstellung eröffnet damit eine präzise künstlerische Untersuchung der Funktionsweisen von Bräuchen in der Gegenwart: als Praktiken der Zugehörigkeits- und Identitätsbildung – und zugleich als ambivalente Räume, in denen sich Affekte kollektiv entladen.
Kuratiert von Anna Nowak
Yalda Afsah (*1983, Berlin) ist eine deutsch-iranische Künstlerin und Filmemacherin. Sie studierte an der Universität der Künste Berlin, an der Burg Giebichenstein, Halle, sowie dem California Institute of the Arts. In ihren Filmen bewegt sie sich an der Schnittstelle von Dokumentation und Inszenierung. Sie entwickelt präzise komponierte Bilder, in denen sich gesellschaftliche Machtverhältnisse, Formen von Fürsorge und Fragen nach Nähe, Kontrolle und Verletzlichkeit verdichten. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen und bei internationalen Filmfestivals präsentiert, u. a. auf dem Locarno Film Festival, CH (2018 und 2020); dem New York Film Festival, US (2018); auf der Manifesta 13, Marseille, FR (2020); im Kunstverein München, DE (2022); bei JOAN, Los Angeles, US (2023); in der HALLE FÜR KUNST Steiermark, Graz, AU (2022); bei Between Bridges, Berlin, DE (2023); im Mönchehaus Museum Goslar, DE (2025) und im CCA Berlin, DE (2026). Im Rahmen der Biennale 2026 war sie mit einer Einzelausstellung im Palazzo Ca’ Buccari, Venedig, IT vertreten. Im Juni 2026 feierte ihre neueste Arbeit HEAT Permiere bei den Art Basel Statements, CH. Seit 2025 ist sie Professorin für Zeitbezogene Medien an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Unterstützt von der Kemmler Foundation [Kemmler Kemmler GmbH]
