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Over Land and Sea

Infos zu den ausgestellten Arbeiten

2025

Teilnehmende Künstler*innen:
Allora & Calzadilla, Louis d’Heudières & Nina Kuttler, Eliška Konečná, Teresa Solar Abboud

Kuratiert von Anna Nowak

Die Gruppenausstellung Over Land and Sea verweist auf die migrantische Geschichte der Menschheit, ihre Gegenwart und Zukunft. Im Spannungsfeld zwischen Greifbarem und Mythischem, Lebendigem und industriell Produziertem vergegenwärtigen die ausgewählten Arbeiten die menschliche Verwundbarkeit und gleichzeitige Fähigkeit zum Wandel und zur Transformation. Sie regen zu einer humanistischen Reflexion über die Art und Weise an, wie wir heute leben.

Informationen zu den ausgestellten Arbeiten sind hier abrufbar.

Allora & Calzadilla

Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla hinterfragen in ihren Videoarbeiten tradierte Annahmen darüber, was Leben als menschlich oder tierisch klassifiziert, indem sie untersuchen, wo und wie menschliche und nicht-menschliche Akteure in Kontakt treten. Raptor’s Rapture (2012) befasst sich mit dem ältesten bekannten Musikinstrument und eröffnet neue Perspektiven auf die Ursprünge von Kultur.

Ausgangspunkt ist die Entdeckung einer Flöte, die vor rund 35.000 Jahren von einem Homo Sapiens aus der Speiche eines Gänsegeiers geschnitzt wurde. Das Fundstück wurde 2009 von Archäolog*innen der Universität Tübingen in der Höhle Hohler Fels in Süddeutschland entdeckt. Das Instrument ist ein Beleg für die frühe Bedeutung von Musik, die sowohl eine zentrale Rolle bei der Bildung gesellschaftlicher Strukturen als auch beim Wachstum der Bevölkerung und ihrer territorialen Ausdehnung spielte. Sie war mitentscheidend für das evolutionäre Überleben der Spezies Mensch.

Im Video erkundet die auf prähistorische Instrumente spezialisierte Flötistin Bernadette Käfer die Klänge der Knochenflöte in Gegenwart eines lebenden Gänsegeiers. Das Geschehen hat eine surreale Dimension. Der Vogel, ein Nachfahre der Spezies, aus deren Knochen das Instrument einst gefertigt wurde, wird mit den akustischen Relikten früher menschlicher Kultur konfrontiert. Der fremdartige und zugleich vertraute Klang der Flöte erweist sich als eine Zeitkapsel, die uns aus der Entstehungsphase der Musik und der Sprache erreicht.

Das Künstlerduo Allora & Calzadilla schlägt mit dieser Gegenüberstellung eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und verhandelt das Verhältnis zwischen menschlicher und nicht-menschlicher Existenz neu. Raptor’s Rapture verweist auf unsere Beziehung zum vom Aussterben bedrohten Gänsegeier: Der Mensch hat sich seit jeher von der Natur genommen, was er zum Überleben brauchte – oder was seiner kulturellen Bereicherung diente. In Folge des Klimawandels wächst die Sehnsucht nach der Rückkehr zu einer harmonischen Existenz in Einklang mit der Natur. Die Videoarbeit thematisiert somit auch den Diskurs über die Erhebung des Menschen über die Natur und betont die Notwendigkeit, Biodiversität aus einer anthropozentrischen Perspektive zu schützen.

Louis d'Heudières & Nina Kuttler

In ihren Arbeiten setzen sich Louis d'Heudières und Nina Kuttler mit Themen rund um das Anthropozän, mit der Verschränkung von Natur und Kultur und mit der Tiefenzeit auseinander – ein Konzept, das geologische und kosmische Prozesse weit über den menschlichen Zeitrahmen hinaus umfasst. Für die Ausstellung haben die Künstler*innen eine spekulative Zukunftsvision entworfen.

Ihre mehrteilige Installation That Metal Voice Quavers (Already on Peaks, the Green Gleams) (2025) thematisiert die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und deren Auswirkungen auf Landschaften und Gesellschaften. Im Zentrum des Narrativs steht das fiktive Mineral Fimbulite, abgeleitet von einer der endzeitlichen Katastrophen aus der nordischen Mythologie – einer Eiszeit mit drei strengen Wintern. Es wird unter fragwürdigen Bedingungen abgebaut, um in den kapitalistischen Kreislauf eingespeist zu werden. Das Schürfen des Minerals verändert nicht nur die Landschaft, Wahrnehmung und Erinnerungen, sondern hinterlässt eine Umwelt, in der gewohnte Rhythmen und Strukturen nicht mehr greifen.

Die Installation kombiniert zwei Mehrkanal-Soundkompositionen mit keramischen Skulpturen. Die metallischen Oberflächen der Objekte, die aus schwarzer und roter Erde gefertigt sind, erinnern an mineralische Strukturen im Gestein. Zu Formationen gestapelt markieren sie eine Art Orientierungspunkt innerhalb einer fragmentierten Landschaft. Die klangliche Dimension greift das Konzept der akustischen Ökologie auf: Sie nutzt Sound als Mittel, um Orte, Landschaften und deren Transformationen sinnlich erfahrbar zu machen. Der Raumsound erzeugt eine Atmosphäre, die zwischen Vertrautem und Unheimlichem schwankt. Ergänzt wird er durch fiktionale Interviews, in denen unterschiedliche Perspektiven die imaginäre Welt, in der Fimbulite abgebaut wird, greifbar machen. Zugleich wird die gegenwärtige ökologische Krise als eine Realität unverkennbar, die tief in unsere sozialen und wirtschaftlichen Strukturen eingeschrieben ist.

Seltene Erden, die in sämtlichen technischen Geräten verbaut sind, bilden die Grundlage des digitalen Zeitalters. Gleichzeitig ist ihr Abbau ein erheblicher landschaftlicher Eingriff, der häufig ganze Gebiete unbewohnbar macht. Sowohl klimatische Veränderungen als auch die direkte Ausbeutung natürlicher Ressourcen sind Auslöser für Migration. Zugleich ist der Handel mit Waren und Rohstoffen Teil des Transaktionsnetzwerks, in dem wir uns als Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft zwangsläufig befinden, ohne unseren physischen Körper zu bewegen. Die Installation verweist auf diese neue Form von ökologischer Zerstörung und deren globale Machtstrukturen und macht die damit verbundenen unsichtbaren Prozesse hörbar. Sie stellt die Frage in den Raum, wie spekulative Zukunftsvisionen unser Denken und Handeln in der Gegenwart beeinflussen können.

Eliška Konečná

Eliška Konečná beschäftigt sich mit universellen Fragen nach Existenz, Moral und Begehren. Ihre textilen Wandarbeiten sind geprägt von einer meditativen, traumhaften Atmosphäre. Die samtigen Texturen des weichen Materials erzeugen ein Gefühl von Intimität und Geborgenheit, die abgebildeten Figuren verkörpern archetypische Bilder von Weiblichkeit.

Das Triptychon Thirst (2023) thematisiert grundlegende körperliche Bedürfnisse des Menschen – Essen, Schlafen, Waschen – und erforscht deren tiefere Bedeutung jenseits der bloßen Befriedigung physiologischer Notwendigkeiten. Einerseits vermitteln die drei Wandreliefs Verbundenheit mit der Natur und deren Lebenskraft. Andererseits offenbaren sie auch eine kritische Auseinandersetzung damit, was als fragil und was als stark gilt, sowie mit menschlicher Dominanz und den Zwischentönen von Fürsorge. Die runden Körper sind sowohl Ausdruck ihres Begehrens als auch Objekt ihrer Bestrafung.

In The Great Sleep bietet eine Figur einem scheinbar sterbenden Vogel Milch an; eine Geste, die sich an der Grenze zwischen Hilfe und unbeabsichtigter Schädigung bewegt. Einige der schlafenden Gestalten wirken entrückt und gleichgültig, andere betrachten das Geschehen mit neugieriger Distanz. In The Great Bath werden durch die Körper, die sich in einer vermeintlichen Suche nach Vergebung waschen, Schmerz und Schuld, Resignation und Akzeptanz gegenübergestellt. The Great Feast, das Bild eines Festmahls, krönt diese Doppeldeutigkeiten: Es erzählt von Zuwendung und Ablehnung in einem zyklischen Kreislauf, der sowohl Sinnlichkeit als auch Kontrolle in sich trägt.

Wasser spielt in Eliška Konečnás Symbolik eine zentrale Rolle. Als physische Masse wird es zur Barriere, die zugleich durchlässig bleibt. Ein einzelner Tropfen wird zum Träger narrativer Bedeutung – er kann je nach Kontext Träne, Blut, Milch oder Samen sein. Die Arbeiten bewegen sich damit zwischen Mythologie und irdischer Erfahrung, zwischen realer Welt und innerem, fast archetypischem Empfinden. Thirst ist eine poetische, vielschichtige Reflexion über die menschliche Existenz, Sehnsüchte und Ambivalenzen. Es zeigt, dass selbst die grundlegendsten Handlungen nicht nur der Erhaltung dienen, sondern auch Ausdruck komplexer Machtverhältnisse, emotionaler Spannungen und tief verwurzelter gesellschaftlicher Strukturen sind.

Teresa Solar Abboud

Teresa Solar Abbouds Skulpturen vergegenständlichen die Abstraktheit der Zeit: Sie wecken Assoziationen zu prähistorischen Lebensformen und sind gleichzeitig Fiktion und Simulation. Als organische Kompositionen sind sie von Naturgeschichte, Ökologie und Anatomie inspiriert.

Die hier gezeigte raumgreifende Installation Osteoclast (I do not know how I came to be on board this ship, this navel of my ark) (2021) besteht aus fünf Kajaks, die Formen menschlicher Knochen nachempfunden sind. Die Skulpturen erinnern an ein zerlegtes Skelett und setzen die stützende Struktur des menschlichen Körpers – die es ihm ermöglicht, sich zu bewegen – mit einem der traditionellsten Fortbewegungsmittel in Beziehung. Teresa Solar Abboud sieht den menschlichen Körper als ein poröses, sich stetig wandelndes System. Die gezeigten Arbeiten sind nach dem Osteoklasten benannt – einer Zelle, die für den Abbau und die Erneuerung von Knochengewebe verantwortlich ist. Somit verweisen sie auf entscheidende Prozesse des Körpers: Wachstum, Transformation und Verfall.

Inspiriert von einer Knochenflöte, dem ältesten bekannten Musikinstrument, ziehen sie Parallelen zwischen dem menschlichen Atem, der Klang erzeugen kann, und dem Wind, der Boote über den Ozean bewegt. Im Kontrast zu den riesigen Frachtschiffen, die in Werften gebaut und angedockt werden, setzen Teresa Solar Abbouds Kajaks den menschlichen Körper auf Meereshöhe und machen seine Verletzlichkeit angesichts der Naturgewalten deutlich. Das leuchtende Orange der Boote erinnert an Rettungswesten, die in Notfällen auf See überlebenswichtig sind. Osteoclast entstand für die Liverpool Biennale 2021 und verwies in dem Kontext auf die Geschichte des Sklavenhandels im Zusammenhang mit dem Hafen der Stadt. Die Skulpturen stellen damit eine Verbindung her zwischen den Schicksalen versklavter Personen im 17. Jahrhundert und der Lebensgefahr, die Flüchtende heute auf sich nehmen, um Ozeane zu überqueren.

Mit ihrer Arbeit spannt Teresa Solar Abboud einen Bogen von der Urgeschichte bis zur Gegenwart, der zeigt, dass Migration – sowohl individuell als auch kollektiv – eine Konstante der Menschheitsgeschichte ist. Die Auflösung linearer Zeitkonzepte, die Frage, wie Diskurse unsere Wahrnehmung prägen, sowie der Bezug zu drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen stehen im Zentrum dieser künstlerischen Auseinandersetzung. Sie eröffnet einen Raum für Reflexionen über Migration, Wandel und die untrennbare Verflechtung von Mensch, Natur, Geschichte, Gegenwart und Zukunft.

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