Making Kin
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Kuratiert von Anna Nowak
Der akute Klimawandel und die damit verbundenen drastischen Prognosen zur Umweltveränderung beschäftigen aktuell nicht nur Politik und Wirtschaft, weltumspannend mobilisieren sie eine junge Generation zum radikalen Aktionismus für schnelle Klimaschutz-Maßnahmen. Der Mensch greift so massiv in die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse ein, dass die Auswirkungen ein komplettes Erdzeitalter prägen. Folglich befinden wir uns in einer ökologischen Krise, deren Ende nicht voraussehbar ist. Wir erleben eine irreversible Mutation des globalen Klimas, welche die Bewohnbarkeit unseres Planeten gefährdet und durch die Zerstörung von Lebensräumen ein weltweites Artensterben zu verantworten hat.
Insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie ist es notwendig „unruhig zu bleiben“* und sich mit Verwandschaftssystemen unterschiedlicher Spezies auseinanderzusetzen. Die Ausstellung Making Kin im Kunsthaus Hamburg versammelt drei Künstlerinnen mit einer weitreichenden kunst- und kulturpolitischen Agenda und fragt: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie kann die Vielfalt der Existenzen und ihrer Lebensweisen miteinander in Beziehung treten und welche neuen symbiotischen Verhältnisse entstehen daraus?
In der Verbindung unterschiedlicher Medien wie Video, Installation, Performance und Malerei widmen sich Melanie Bonajo, Madison Bycroft und Anne Duk Hee Jordan den gegenwärtigen ökologischen Herausforderungen und untersuchen den Zusammenhang zwischen Ökosystemen und dem menschlichen Einfluss. Sie erforschen Gemeinschaftskonzepte, die nicht die Menschheit zum Mittelpunkt erheben, sondern die Gleichwertigkeit innerhalb der Artenvielfalt betonen.
Der titelgebende Ausspruch „Making Kin“ (Macht euch verwandt) ist eine Maxime der Wissenschaftsphilosophin und Cyborg-Feminismus-Pionierin Donna Haraway, die zur artenübergreifenden Symbiose auffordert. In ihren Texten wimmelt es von Lebewesen unterschiedlichster Arten. Um für kommende Generationen eine Zukunft zu ermöglichen, müssen wir uns als sterbliche „Kritter“** mit unzähligen Konfigurationen aus Orten, Zeiten, Materien und Bedeutungen verflechten, damit aus dem planetenzerstörenden Homo sapiens neues Leben „kompostiert“ werden kann.
Die Künstlerinnen hinterfragen gesetzte Begriffe wie Natur, Kultur und Technik und ihre jeweiligen Trennlinien. Dabei interessieren sie sich für das hybride Netzwerk zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Humorvoll und spielerisch entwerfen sie experimentelle und zukunftsorientierte Szenarien, die unsere gewohnten Lebensweisen in Frage stellen und neue Modelle von Gemeinsamkeit erlebbar machen. Für die Ausstellung sind neue Arbeiten entstanden, die zum Nachdenken über ein übergreifendes ökologisches Prinzip der Verbundenheit anregen.
* Haraway, Donna: Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, 2018
** im amerikanischen für „alles mögliche Getier“ verwendeter Begriff; von Haraway geprägt und verwendet für Mikroben, Pflanzen, Tiere, Menschen, Nicht-Menschen und manchmal auch für Maschinen.