Stille Post –
Carolina Lehan

Rückseite des Ehevertrags zwischen Felice Schragenheim und Elisabeth Wust, Berlin, Juni 1943, Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Elisabeth Wust, Foto: Carolina Lehan


Stille Post
Carolina Lehan

5.2.–3.5.2026
Kunsthaus-Foyer


Quer durch verschiedene Zeitebenen spürt Carolina Lehans Installation For the Time Being dem Mythos der Sirene nach, in dem sich Geschichten über Heimat, weibliche Bindung, lesbische sowie queere Partner*innenschaft mit Formen der Auslöschung und Resilienz überschneiden. Die Arbeit fungiert sowohl als physischer Anker als auch als konzeptuelle Achse zwischen der Form eines Liebesbriefes und dem Archetyp der Sirene.

In den frühesten griechischen Darstellungen erscheint die Siren als hybrides Wesen, teils Frau, teils Vogel, das Küstenfelsen und Schwellenräume bewohnt. Im Mittelalter wandelte sich ihr Bild allmählich zu dem der Meerjungfrau. Diese Transformation spiegelt grundlegende Vorstellungen von Weiblichkeit wider, die durch Mythen und Archetypen geprägt sind: Die weibliche Figur wird darin wiederholt als furchteinflößend oder gefährlich dargestellt, bevor sie eine angenehmere, verführerische Form annimmt. In For the Time Being treten eine Sirene und eine Meerjungfrau als Paar auf. Sie werden als Gefährtinnen dargestellt, vereint in Gesang und Pathos, und öffnen einen neuen Blick auf ihre mythische Gestalt – nicht als Verführerinnen, sondern als Zeug*innen der ewigen Komplexität der Liebe. Ihre Gegenwart beschwört Jahrhunderte enger, intimer Beziehungen zwischen Frauen, die häufig marginalisiert, verzerrt oder ausgelöscht wurden.

Die zentrale Skulptur wird von zwei kleineren Elementen begleitet. Sie erinnern an Fragmente einer zerrissenen Nachricht, deren Text nicht mehr lesbar ist. Beim Besuch des Jüdischen Museums in Berlin stieß Lehan auf einen Liebesbrief, verfasst im Deutschland des Jahres 1943. Er wurde von einer jüdischen Frau an ihre deutsche Geliebte adressiert und beinhaltet die Gelübde, die sie ihr gegenüber macht. Liebesbriefe dienten im Laufe der Geschichte als Zeugnisse intimer menschlicher Beziehungen und tragen Spuren ihrer historischen, politischen und sozialen Bedingungen in sich. Sie bieten einen Einblick in den Alltag von Individuen, in ihre Emotionen und ihre privatesten Gedanken. Indem Lehan mythische und historische Elemente miteinander verwebt, entfaltet sich ihre Installation wie ein Liebesbrief, der niemals geschrieben wurde: eine Geste, zärtlich dargeboten, die jedoch nie vollständig übermittelt und endgültig beantwortet wird.

Im Rahmen des experimentellen und kommunikativen Ausstellungsformats Stille Post werden die Rollen und Funktionen des Gastgebens und Zu-Gast-Seins fluide: In Anlehnung an das titelgebende Kinderspiel wählen die ausstellenden Künstler*innen die jeweils folgende Person selbst aus. Mit dem Projekt überträgt das Kunsthaus seit April 2024 einen Teil der kuratorischen Verantwortung an die Kunstschaffenden selbst, um so alternative institutionelle Zugänge zu ermöglichen und lokal situierte Netzwerkstrukturen inhaltlicher und persönlicher Art sichtbar zu machen. Bisher wurden im Rahmen von Stille Post Arbeiten von Jaewon Kim, Fritz Lehmann, Altay Tuz, Pia Pospischil, Luzia Cruz und Laurel Chokoago und Cho Ari gezeigt.


Carolina Lehan (*1992) hat ihren Master of Fine Arts an der HFBK, Hamburg (2025) und ihren Bachelor an der Bezalel Academy of Arts & Design, Jerusalem erworben. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Levantehaus Galerie, Hamburg (2025), der der Frappant Galerie, Hamburg (2025), dem The Lobby Art Space, Tel Aviv-Yafo (2024), der Gruppe Motto, Hamburg (2024), dem Atelier Shemi, Kabri (2023) und der Barbur Gallery, Jerusalem (2021) gezeigt. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.


Donnerstag, 5.2.2026, 18 Uhr
Eröffnung
im Rahmen von Panorama XIX mit JinO.o & Junbo Huang